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Chemische Kampfstoffe ]
Sarin
1. Allgemeines
Sarin ist eines der drei "klassischen" Nervengifte Tabun,
Sarin und Soman, welche vor und während des Zweiten Weltkrieges
in Deutschland entwickelt worden sind. Sarin wurde zwar bis in die 60er
Jahre in großen Mengen, d.h. Tausenden von Tonnen zur Herstellung
von chemischen Waffen durch die Großmächte in Ost und West
produziert.
Neuere Entwicklungen vor Ende des Kalten Krieges zielten darauf ab,
sogenannt binäre Sarin-Munition für die Artillerie zu entwickeln.
In diesen Geschossen wird das Nervengift erst nach dem Abschuss der
Granate oder Rakete aus relativ ungefährlichen Ausgangsstoffen
gebildet.
Nach dem Golfkrieg haben Inspektionen im Irak ergeben, dass dort einige
hundert Tonnen Nervengift produziert worden sind.
Verschiedene weitere Länder werden verdächtigt, sich mit chemischen
Waffen aufzurüsten, wie weit dabei der Kampfstoff Sarin eine Rolle
spielt, ist nicht bekannt. Eine Reihe von Industriestaaten (organisiert
in der Australiengruppe) versucht, durch Absprache von Exportkontrollen
für kritische Güter (Chemikalien, Anlagebauteile) die Proliferation
(Weiterverbreitung) von chemischen Waffen zumindest zu erschweren.
Die neue C-Waffen-Konvention verlangt, dass die Vorräte an chemischen
Waffen binnen 10 Jahren nach Inkraftsetzung kontrolliert vernichtet
werden müssen. Überdies sieht sie ein internationales Inspektionsregime
vor, das die deklarierte Produktion von kritischen Chemikalien (mögliche
Ausgangsstoffe für chemische Kampfstoffe) überwacht.
2. Chemische Struktur
Sarin ist ein Phosphonsäureester mit der allgemeinen Struktur
3. Chemische und physikalische Eigenschaften
Schmelzpunkt - 56 °C
Siedepunkt 158 °C (Zersetzung)
Flüchtigkeit (20°C) 12.1 g/m3
Wasserlöslichkeit 100 %
Hydrolyse (Abbau in Wasser) Halbwertszeit 100- 150 h neutral2 h sauer1
h alkalisch
Geruch geruchlos (wenn rein)
Farbe wasserklar (wenn rein)
Entgiftung mit Entgiftungspulver und Entgiftungslösung 85
4. Nachweis
Sarin kann mit den Methoden der chemischen Instrumentalanalytik nachgewiesen
werden. Der Vergleich mit Massenspektren, Infrarotspektren oder Kernresonanzspektren
der reinen Substanz macht die Identifikation zweifelsfrei möglich.
Von möglicherweise entstandenen Abbauprodukten kann zumindest auf
die Substanzklasse der Phosphorsäureester zurückgeschlossen
werden. Intaktes Sarin kann mit dem einfachen Verfahren der Dünnschichtchromatographie
und einer spezifischen Reaktion nachgewiesen werden.
Nervengifttröpfchen
bewirken auf dem häufig in militärischen Einheiten verwandten
Kampfstoffnachweispapier eine typische Gelb- oder Grünfärbung.
Staatliche Stellen
sollten über geeignete und ständig besetzte Laboratorien verfügen
um eine sofortige Analytik für potentielle Gift-/Kampfstoffe durchzuführen.
Kampfstoffnachweisgeräte sollten bei Armee und Zivilschutzeinheiten
(i.e., Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst) verfügbar sein um gefährliche
Konzentrationen von Nervengiften in Luft nachzuweisen.
Die in verschiedenen
Armeen eingeführten automatischen Nachweisgeräte können
gasförmiges Sarin nachweisen, allerdings zur Vermeidung von Fehlalarmen
nur in relativ hohen Konzentrationen.
Neueste Technologien
verfügen auch gasförmige Nervengifte in sehr geringer Konzentration
nachweisen.
5. Toxizität
5. 1. Wirkung:
Sarin kann gasförmig über die Atemwege und die Augen oder
flüssig durch die Haut in den Körper gelangen. Es blockiert
die Acetylcholinesterase, ein Enzym, das in der Übertragung von
Nervenreizen zwischen zwei aufeinander folgenden Nervenzellen eine wichtige
Rolle spielt.
5.2. Vergiftungssymptome:
Anfangssymptome:
- Pupillenverengung (Miosis), Sehstörungen und Augenschmerzen
- verstärkte Sekretion (Nasen-, Tränen-, Speichelfluss, Schweißausbrüche)
- Atembeschwerden
- starke Kopfschmerzen
Hauptsymptome:
- Zittern und/oder Zucken der Muskulatur
- Erbrechen, unkontrollierter Harn- und Stuhlabgang
- Atemnot
- Ängstlichkeit, Spannung, Verwirrtheit
- ev. generalisierte Krämpfe, Bewusstlosigkeit
- Tod durch Atemlähmung, evt. durch Kreislaufkollaps
Latenzzeit (Zeit bis zum Erkennen von Symptomen):
Bei Aufnahme über die Atemwege Sekunden bis wenige Minuten, bei
Aufnahme durch die Haut bis zu 30 Minuten. Bei einer tödlichen
Dosis tritt der Tod wenige Minuten nach Auftreten der ersten Symptome
ein.
Je nach Menge des aufgenommenen Sarins können Art und Reihenfolge
der Symptome verschieden sein, charakteristisch sind die Anfangssymptome.
Nur aufgrund der Symptome auf eine Vergiftung durch Sarin zu schließen,
ist nicht ratsam; Analysen sind notwendig.
5.3. Toxizitätsdaten:
Für gasförmiges Sarin sind in der Folge die Dosen als ct50-Produkt
angegeben, d.h. das Produkt Konzentration (mg/m3) * Expositionszeit
(min), bei dem 50 % der Betroffenen eine bestimmte Wirkung zeigen.
Stark vereinfachend wird dabei angenommen, dass eine kleine Konzentration
während langer Zeit die gleiche Wirkung zeitigt wie eine hohe Konzentration
über entsprechend kurze Zeit.
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ct50[(mg/m3)*min] |
letale
Dosis LD50[mg/Mensch] |
Aufnahme
gasförmig über Atemwege:
- Miosis
- leichte Behinderung
- schwere Behinderung
- Tod
|
2
15
70
100 |
1 |
Aufnahme
gasförmig durch die Haut:
- Tod |
10000
- 15000 |
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Aufnahme flüssig
durch die Haut:
- Tod
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1700 |
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6. Schutz
Schutz der Atemwege gegen gasförmiges Sarin oder gegen Sarin in
Aerosolform (als feinstverteilte schwebende Tröpfchen): voll gewährleistet
bei korrekter Anwendung von zugelassenen Schutzmasken mit Filtern, bei
Aufenthalt im Schutzraum unter Filterluftbetrieb.
Schutz der Haut
gegen flüssiges Sarin: optimal mit geprueftem Ganzkörperschutz,
nur behelfsmässig mit dem ABC-Schutzüberwurf.
7. Therapie
Unter Spitalbedingungen:
möglichst rasch nach Auftreten von Symptomen Spritzen von Atropin,
Toxogonin und Valium intravenös, Anwendung von Atropin je nach
Stärke der Vergiftung über Stunden. Künstliche Beatmung
falls notwendig.
Im Feld:
Atropin und Toxogonin sind als Komponenten in der den meisten Autoinjektoren
militärischer Einrichtungen enthalten. Die beiden Medikamente werden
unter Selbstapplikation und Kameradenhilfe intramuskulär gespritzt.
Pyridostigmin-Tabletten
können bei erhöhter Gefahr eines Nervengifteinsatzes eingenommen
werden. Der medikamentöse Schutz eines Teils der Acetylcholinesterase
verbessert die Erfolgschancen einer korrekten Therapie bei einer nachfolgenden
Vergiftung.
8. Beurteilung
Sarin ist einer der gefährlichsten chemischen Kampfstoffe, die
zu Waffenzwecken hergestellt worden sind.
Es sind noch über mindestens zehn Jahre Tausende von Tonnen an
verschiedenen Orten unter wahrscheinlich unterschiedlich sicheren Bedingungen
gelagert. Über eine aktuelle Produktion in größerem
Maßstab ist nichts bekannt.
Auch für die Herstellung von kleinen Mengen (bis Kilogramme) ist
eine gute Laboreinrichtung unerlässlich (also keine Synthese in
der Waschküche!). Überdies kann es schwierig sein, über
den Chemikalienhandel an die Schlüsselausgangsstoffe zu kommen.
Deren eigene Herstellung ist aufwendig.
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