Flugzeugunglück

Überlingen /Bodensee
1.Juli 2002


a) UNFALLHERGANG:

Eine erste Auswertung des Sprechfunkverkehrs der Schweizer Flugsicherung mit den beiden Flugzeugen hat ergeben, dass die Besatzung der TU 154 ca. 50 Sekunden vor dem Zusammenstoß die Anweisung bekam, von Flugfläche 360 auf Flugfläche 350 zu sinken. Dieses Sinken war für den Weiterflug nach Barcelona notwendig und war gleichzeitig eine Maßnahme, um eine Höhenstaffelung zu der Boeing B 757 herzustellen.

Während die Besatzung auf eine erste Aufforderung nicht reagierte, reagierte sie auf eine zweite Aufforderung und begann den Sinkflug ca. 25 Sekunden vor dem Zusammenstoß. Kurze Zeit später begann auch die Boeing 757 aufgrund einer TCAS RA zu sinken. TCAS bedeutet "Traffic alert and collision avoidance system". Dies ist ein Gerät, das die Besatzung eines Flugzeuges vor anderem Flugverkehr warnt und der Besatzung Anweisungen gibt, wie zu reagieren ist, um einen Zusammenstoß zu verhindern.

Warum die Warnung dieses Gerätes ebenfalls zu einem Sinkflug der Boeing 757 führte, ist noch unklar und wird Gegenstand weiterer Untersuchungen sein.


b) Chronologie des Flugzeug-Unglücks

Ein zeitlicher Ablauf des Unglücks, zusammengestellt nach Angaben der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, der Deutschen und der Schweizer Flugsicherung:

21.00 Uhr (MESZ): In Moskau startet die russische Maschine der Bashkirian Airlines in Richtung Barcelona. An Bord sind 57 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. 52 der Insassen sind Kinder der Führungselite Baschkiriens, die auf den Weg in den Urlaub in Spanien waren.

23.06 Uhr: Im italienischen Bergamo startet die Frachtmaschine des Paketdienstes DHL Worldwide Express vom Typ Boeing 757-200 mit zwei Piloten. Sie stammen aus Großbritannien und Kanada.

23.23 Uhr: Die Frachtmaschine verlässt den italienischen Luftraum und wird von der Schweizer Flugsicherung in Zürich übernommen. Bis zum Kreuzungspunkt mit der russischen Maschine sind es noch zwölf Minuten.

23.30 Uhr: Die Münchner Flugsicherung übergibt die russische Maschine, die sich in deutschem Flugraum befindet, an die zuständige Schweizer Flugsicherung in Zürich. Bis zum Kreuzungspunkt der beiden Maschinen sind es noch fünf Minuten.



23.35 Uhr: In der Bodenkontrolle entscheidet der Fluglotse, eine der beiden auf 36.000 Fuß Höhe (11.500 Meter) fliegenden Maschinen auf eine niedrigere Flughöhe von 35.000 Fuß (11.200 Meter) umzuleiten. Er weist den russischen Piloten an, die Maschine abzusenken. Bis zur Kollision sind es noch 50 Sekunden. Mit den Piloten der Frachtmaschine nimmt er keinen Funkkontakt auf.

23.35 Uhr: Der russische Pilot reagiert auf die mehrmalige Anweisung der Schweizer Flugsicherung per Funk zunächst nicht. Inzwischen hat das automatische Kollisions-Warngerät (Traffic Conflict Alerting System) an Bord der Frachtmaschine ein Sinkflugmanöver eingeleitet. In diesem Moment beginnt der Pilot des russischen Flugzeugs ebenfalls, die Maschine nach unten zu dirigieren.

23.35 Uhr: Die Flugsicherung versucht in letzter Sekunde, ein neues Ausweichmanöver einzuleiten, aber es ist zu spät: Die beiden Maschinen kollidieren in 35.300 Fuß Höhe und stürzen ab. 71 Menschen sterben.




c) Boeing 757-200:

  • Kurz- und Mittelstreckenflugzeug, kann auch als Langstreckenflieger eingesetzt werden kann, Reichweite bis zu 7,300 Kilometer (Passagierversion) bzw. 4,700 Kilometer (Frachtversion)
  • Höchstgeschwindigkeit: über 800 km/Stunde oder 0,8 mach
  • Länge: 47 Meter
  • Höhe: 13,5 Meter
  • Frachtkapazität (nur Cargoflugzeug Typ 757-200 PF): 40 Tonnen
  • Treibstofftanks: 42.700 Liter
  • Sitzplätze:
    o Einfache Klasse: 239
    o Zwei Klassen: 192
  • Spannweite: 38 Meter
  • Erster Flug: 19. Februar 1982
  • Erstes Frachtflugzeug (Typenbezeichnung 757-200 PF) in Dienst gestellt: September 1987
Unfälle:
  • 2. Oktober 1990 China, Flughafen Baiyun: eine China Southwest Airlines Boeing 757 wurde am Boden zerstört als eine entführte Boeing 737 der Xiamen Airlines während der Landung außer Kontrolle geriet und in die startbereite 757 schlitterte; 46 der 144 Insassen der 757 starben

  • 20. Dezember 1995 Kolumbien, Kali: eine American Airlines Boeing 757 stürzte während des Landeanfluges ab, 160 Menschen starben, 4 überlebten

  • 6. Februar 1996 Dominikanische Republik: eine Birgenair Boeing 757 auf dem Wege nach Deutschland stürzte Minuten nach dem Start vom Flughafen Puerta Plata ins Meer, alle 189 Insassen kamen ums Leben

  • 2. Oktober 1996 Peru, Lima: eine Boeing 757 der AeroPeru Fluggesellschaft stürzte kurze Zeit nach dem Start vom Flughafen Lima ins Meer, alle 70 Insassen starben

  • 14. September 1999 Spanien, Gerona Flughafen: eine Boeing 757 der Britannia Airways machte eine Bruchlandung in schlechtem und regnerischem Wetter, schlitterte über die Landebahn, das Fahrwerk kollabierte, die Boeing 757 rollte in ein Feld und brach in drei Teile; alle 245 Insassen überlebten

  • 11. September 2001 September USA, Pennsylvania: eine der vier entführten Passagiermaschinen, eine Boeing 757 der United Airlines, Flugnummer 93, stürzte in ein Feld im US Bundesstaat Pennsylvania

Versionen:
  • Passagiermaschine, die mehr als 200 Sitzplätzen

  • Frachtversion

d) Einsatzablauf:

Feuerwehr

Um 23.46 Uhr wurde am 01.07.2002 die integrierte Leitstelle des Bodenseekreises zunächst über mehrere Kleinbrände zwischen Überlingen und Owingen verständigt. Weitere Anrufer teilten unmittelbar darauf einen vermutlichen Flugzeugabsturz mit.

Daraufhin wurden die Freiwilligen Feuerwehren Überlingen, Owingen, Salem, Hagnau, Frickingen, Bermatingen, Meersburg, Deggenhausertal, Uhldingen-Mühlhofen und Sipplingen alarmiert. Des weiteren wurden die Nachbarlandkreise mit den Freiwilligen Feuerwehren Sigmaringen, Stockach und Konstanz verständigt.
Gegen 0 Uhr 25 die Technische Einsatzleitung des Bodenseekreises nach Überlingen alarmiert und richtete sich dort im Feuerwehrgerätehaus ein.

Der Ersteinsatz der Feuerwehren galt dem Ablöschen der zahlreichen brennenden Wrackteile beider Flugzeuge, die überwiegend auf dem freien Feld zwischen Überlingen, Owingen und Herdwangen nieder gegangen waren.
Die russische Passagiermaschine war in zahlreiche Wrackteile zerborsten. Der Rumpf der Tupolew mit noch angeschnallten Passagieren schlug in Brachenreute auf.
Die Boeing 757 Frachtmaschine fand sich in nahezu vollständigem Zustand in einem Waldgebiet nahe des Owinger Teilortes Taisersdorf. Ein nach dem Aufschlag entstandener Waldbrand konnte durch die dort eingesetzten Feuerwehrkräfte rasch unter Kontrolle gebracht werden.

Rettungsdienst:

Alarmierung und Entsendung von neun Rettungswagen, zehn Notärzten, eines leitenden Notarztes, sieben DRK-Schnelleinsatzgruppen und des Kriseninterventionsdienstes des DRK sowie zweier Rettungshundestaffeln der Nachbarlandkreise Sigmaringen und Konstanz.

Suche:

Unmittelbar im Anschluss an die Brandbekämpfung wurde von den Einsatzkräften gemeinsam mit der systematischen Suche nach eventuellen Überlebenden begonnen. Dies wurde durch die Dunkelheit und die weite Ausdehnung des Trümmerfeldes in teilweise schwer zugänglichem Gelände erheblich erschwert. Zu diesem Zweck waren zwischenzeitlich auch sechs Rettungshubschrauber, darunter zwei aus der benachbarten Schweiz und ein Großraum-Rettungshubschrauber der Bundeswehr aus Laupheim im Einsatz.

Um 01.45 wurden die ersten drei Todesopfer, ein Mann, eine Frau sowie ein Kind bei Brachenreute oberhalb von Überlingen gefunden; nahezu zeitgleich wurden im selben Gebiet weitere fünf Tote gefunden. Weitere drei Tote wurden in Owingen auf einem Parkplatz gefunden.

Um 2.12 wurde mit 15 Booten eine Suchkette auf dem Bodensee eingerichtet. Unterstützt wurden die örtlichen Einsatzkräfte durch die DLRG und die Freiwilligen Feuerwehren aus Konstanz und Lindau.

In 57 Gebieten in einem Korridor von einem Kilometer Breite und zehn Kilometern Länge wurden Wrack- und Gepäckteile gefunden. An vier Fundorten wurden besonders viele Leichenteile entdeckt, vor allem in Owingen. Die Opfer der Katastrophe wurden gestern im ehemaligen Goldbacher KZ-Stollen aufgebahrt, bevor sie zur gerichtsmedizinischen Untersuchung ins Friedrichshafener Krankenhaus gebracht wurden.

Insgesamt befanden sich 510 ehrenamtliche Helfer, darunter 250 Feuerwehrleute, 180 Einsatzkräfte des DRK und 80 Helfer des technischen Hilfswerkes im Einsatz.
Die DHL-Maschine hatte zum Zeitpunkt des Zusammenstoßes ca. 8 to Kraftstoff und 7 Tonnen Fracht an Bord

e) SkyGuide

Im Auftrag der Schweizer Regierung wird die Flugsicherung des schweizerischen Luftraums von der privatrechtlichen Aktiengesellschaft (zu 99% im staatlichen Besitz der Schweiz) skyguide wahrgenommen. Zu den Aufgaben des Unternehmens mit Sitz in Genf gehört aber auch die Betreuung der Bodenseeregion.

Seit Anfang 2001 ist skyguide sowohl für die zivile als auch für die militärische Flugsicherung verantwortlich - ein in Europa einzigartiger Zusammenschluss. Mit rund 1.400 Beschäftigten leitet und überwacht das Unternehmen auf den Flughäfen Zürich, Genf, Bern und Lugano sowie auf den militärischen Flugplätzen den Flugverkehr.

In den vergangenen Monaten war die Zuständigkeit für den Luftraum im Süden Deutschlands Teil der Kontroverse um das neue deutsch-schweizerische Luftverkehrsabkommen. Die Anwohner auf deutscher Seite beklagen, dass die meisten Start- und Landeanflüge über deutschem Gebiet stattfinden, was unzumutbaren Lärm zur Folge habe. Das deutsche Verkehrsministerium hat für den Fall der Nicht-Ratifizierung des neuen Staatsvertrags angedroht, die Flugsicherung im süddeutschen Raum wieder den deutschen Behörden zu übertragen




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