[ Hazards & Disasters ] [ Events by Regions ] [ Disaster Austria ]
[ Katastrophen in Österreich ]

 

Ringtheaterbrand in Wien 1881

Aufführung von Jacques Offenbach's Oper "Hoffmanns Erzählungen" in ausverkauftem Haus. Eine der letzten Vorbereitungen war das Entzünden der Gasbeleuchtung im Bereich der Soffitten. Es handelte sich um 5 Beleuchtungskästen, in denen sich jeweils 48 Leuchtgasbrenner befanden. Das Entzünden geschah auf pneumatisch-elektrischem Weg; eine Erfindung des Maschinenmeisters des Wiener Hofburgtheaters, Barrot;

Der Anzünd-Apparat versagte jedoch an diesem Abend, das ausströmende Gas explodierte beim zweiten Zündversuch. Das Feuer griff sofort auf die 30 Prospektzüge, anschließend auf den Rest der Bühne und letzten Endes auf den Zuschauerraum über. Und nun zeigten sich Mängel, Schlamperei und Unzulänglichkeiten, die das "Neue Wiener Tagblatt" wie folgt beschrieb: "Wie ist es möglich, wie ist es gekommen, daß erst nach zwanzig, vielleicht sogar erst nach dreißig und fünfunddreißig Minuten, nachdem der Brand im Ringtheater ausgebrochen war, daran gedacht worden ist, daß Menschenleben noch gerettet werden könnten; daß erst nach Ablauf einer unter solchen Umständen bedeutenden Zeit die ersten Versuche gemacht worden sind, Rettung den im vorderen Teile des Gebäudes etwa befindlichen Personen zu bringen?"

Im späteren Ringtheaterprozeß waren u. a. der Wiener Bürgermeister Newald und der Direktor des Ringtheaters Jauner angeklagt. Newald wurde freigesprochen, Jauner erhielt 4 Monate Arrest; weiteren sechs weitere Angeklagte wurden ebenfalls zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Die im Laufe des Prozesses zu Tage gekommenen Fakten lassen sich in Kürze folgendermaßen darstellen:

  • Fehlen eines Eisernen Vorhanges,
  • Eine Seitentür im Bühnenbereich wurde geöffnet, wodurch Zugluft entstand, die das Feuer weiter entfachte.
  • Die Gasbeleuchtung war mittlerweile vom zuständigen Beleuchtungsinspektor abgeschaltet worden, aber die Notbeleuchtung aus Öllampen hatte man nach einer einige Wochen vorher durchgeführten Reparatur nicht wieder montiert. Auch damals hatte man die Öllampen aus Geldmangel oft nur gefüllt, wenn die "Assecuranz" zur Inspektion erschien
  • Die Ausgangstüren waren nur nach innen zu öffnen, sodaß durch den Druck der in der Dunkelheit in Panik nachströmenden Menschen ein Entkommen unmöglich war.
  • Polizisten, die vor dem Eingang im Vestibül standen, wiesen Retter mit dem Hinweis, daß sich niemand mehr im Theater befinde, da ja niemand mehr herauskomme, ab.

Die berühmt gewordene Meldung "Alles gerettet!" erfolgte zu einem Zeitpunkt, zu dem man noch viele der Eingeschlossenen retten hätte können - eine Tatsache, die im Ringtheaterprozeß bewiesen werden konnte.

Arthur Schnitzler schildert die Ereignisse in einer Erzählung schildern: "... um mich herum war ein schauerlicher, ungeheurer Lärm, als stürzte alles zusammen; und es heulte wie ein Sturm durch den Raum, und vor die rote Glut legte sich grauer, dunkler Rauch. Plötzlich kam ein gewaltiger Ruck nach einer bestimmten Richtung. Mit einem Mal war es dunkel, und ich konnte mich nicht rühren. Um mich herum wurde geflucht und gejammert. Ja, auch ich schrie mit einem Male auf, ich weiß, daß ich ein paar Sekunden lang schrie und dabei kaum begriff, warum. Und plötzlich spürte ich an meinem Halse Nägel, Krallen. Irgendwer klammerte sich an mich. ..."

Vermutlich sind zwischen 368 und 448 Menschen ums Leben gekommen. Einige Schätzungen sprechen sogar von über 600 Toten. Die Leichen, die geborgen werden konnten, wurden noch in der Nacht in den Hof des Allgemeinen Krankenhauses gebracht.

Eine Durchsicht der in der Presse veröffentlichten Vermißtenlisten läßt erkennen, daß das Publikum ein beinahe naturgetreues Abbild der Wiener Bevölkerung darstellte. Vom Dienstmädchen über Büroangestellte und Kaufleute bis zu Akademikern waren nahezu alle Berufsgruppen vertreten. Außerdem dürften sich auffallend viele jüngere Menschen im Theater befunden haben. Die meisten der Vermißten sind 30 Jahre und jünger, sogar 13- und 14jährige scheinen auf.

In einer Kundmachung des Magistrats wurde die Bevölkerung zur Agnostizierung aufgefordert. Mit einer "Eintrittskarte" konnte man die Leichen "besichtigen", was viele Schaulustige unter dem Vorwand, einen Angehörigen zu suchen, auch taten. Der Kopf eines Verbrannten befindet sich als makabres Ausstellungsstück noch heute im Kriminalmuseum in der Leopoldstadt.

Totenscheine wurden einzig und allein in eindeutigen Fällen ausgestellt. Eine Identifizierung war jedoch nur in rund 250 Fällen möglich. Daraus ergaben sich für Angehörige Probleme bei Erbschaftsangelegenheiten und Wiederverehelichung. Schließlich mußte 1883 das "Ringtheatergesetz ... zum Zwecke der Todeserklärung und der Beweisführung des Todes" Abhilfe schaffen. Die von den Angehörigen nicht abgeholten Wertsachen kamen 1913, also erst 32 Jahre nach dem Brand, im Dorotheum zur Versteigerung. 126 elternlosen Kindern wurden Waisenassoziationen zugeteilt. Jedes Kind erhielt 6000 Gulden, was gerade die Mädchen unter ihnen als Ironie des Schicksals zu einer "guten Partie" machte ...

Konsequenzen:
In unmittelbarer Folge wurden die Theaterbauvorschriften überarbeitet.

Der Einbau eines Eisernen Vorhangs wurde Pflicht, Notausgänge mußten gekennzeichnet werden, und eine funktionsfähige wurde verpflichtend vorgeschrieben . Die neuen feuerpolizeilichen Bestimmungen gingen jedoch zum Teil bereits auf den Brand des Opernhauses in Nizza am 23. März 1881 zurück.

Unter dem Eindruck der Katastrophe wurden bereits am 9. Dezember die ersten Gespräche zur Gründung einer "Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft" geführt wurden. Als ersten Präsidenten nominierte man den Grafen Lamezan, der während des Ringtheaterbrandes die wirkungsvollsten und engagiertesten Rettungsaktionen durchgeführt hatte.







If you have any questions or comments, or if you would like to share
your experiences with us, we would be more than happy to hear from you.
CONTACT US